Phase 1: Enabling Space Phase 2: Trans-Actions Phase 3: Besides Reproduction

Daniel Buren, Diego Castro, Maria Eichhorn, Katja Staats
Stephan Dillemuth, Loretta Fahrenholz, Phillip Zach
nOffice
Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg

In Kooperation mit dem Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg widmen sich 2011 drei aufeinander aufbauende Ausstellungsprojekte unter dem Titel »Demanding Supplies — Nachfragende Angebote« der Kunst und ihren Märkten.

Die dritte Ausstellung »Besides Reproduction« präsentiert nun vier Positionen, die den Kunstmarkt unter verschiedenen Prämissen ins Blickfeld rücken: Maria Eichhorn, Daniel Buren sowie die beiden Preisträger des 2011 erstmals ausgelobten Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst, Diego Castro und Katja Staats.

Maria Eichhorn untersucht seit den 1990er Jahren das Feld der Kunst. Ein berühmtes Beispiel ist die Arbeit »Maria Eichhorn Aktiengesellschaft« (2002) für die documenta 11, eine mit dem eigenen Produktionsetat gegründete Aktiengesellschaft, die durch das Einfrieren des Kapitals ihr eigenes System ad absurdum führte. Für die Schau im Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg greift die Künstlerin eine Ausstellungsserie auf, die sie in ihrer Galerie Barbara Weiss, Berlin, im Zeitraum von 1995 bis 2001 vier Mal präsentierte. Die Ausstellungen inszenierten eine Art »Resteverkauf«, der nach dem Prinzip der schrittweisen Reduktion funktionierte. Jedes Objekt, das in einer der Schauen verkauft wurde, fehlte im Inventar der darauf folgenden. Einblicke in die Dynamiken von Angebot und Nachfrage ermöglicht eine für jede dieser Ausstellungen aktualisierte Einladungskarte, die alle Arbeiten in alphabetischer Reihenfolge festhält. Zehn Jahre nach der letzten Präsentation aktualisiert Eichhorn diese Karte erneut, die nun neben den vier vorangehenden in einem von der Künstlerin konzipierten Display gezeigt wird. Auf diese Weise entwickelt sie eine Fortführung – Reproduktion und Retrospektion dieses kunstmarktreflexiven Projektes zugleich.

Mit der »Immaterialistischen Internationale« schuf Diego Castro im Jahr 2005 eine Bewegung, die in der Folge fortlaufend erweitert wurde: Performances, Videos, Installationen, Pamphlete und hunderte von Zeichnungen bilden heute den Werkkomplex, der auf eine Kritik an den gängigen Verteilungsformen und Repräsentationssystemen von Kunst abzielt. Für einen künstlerischen Entwurf, der diesen Komplex zum Ausgangspunkt nimmt, wurde er von einer Fachjury unter Vorsitz von Beatrice von Bismarck (Rektorin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig) mit dem Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst ausgezeichnet sowie von Laudator Robert Fleck (Intendant der Bundeskunsthalle Bonn) gewürdigt. Sein Werk »Immaterialistische Internationale« diskutiert den ritualistischen Wert der Kunst und proklamiert Möglichkeiten der Teilhabe in Übergehung der vielfältigen Filter des Feldes. Das Mittel der Reproduktion setzt Castro ein, indem er die Möglichkeit der technologischen Vervielfältigung bei Vorenthaltung des Originals im Sinne Walter Benjamins aktualisiert. Für die Ausstellung im Kunstraum erschließt Castro Bezüge zur »Situationistischen Internationale«, ihrer spektakel- und kapitalismuskritischen Impulse sowie ihrer politischen Forderungen in den 1960er Jahren. Poster, Tondokumente und Zeichnungen zu Themenkomplexen wie »Kunst und Kunsthandel« oder »Arbeitsbedingungen für Kulturarbeiter« stehen mittels Kopiermaschine für die Besucherinnen und Besucher zur Verfügung. Den »Tod« dieser künstlerischen Bewegung, ihr letzendliches Scheitern, visualisiert Castro in seiner Installation anhand einer symbolisch aufgeladenen Präsentation. So unterzieht er die eigene Forderung nach Widerstand gegen Verwertungslogiken des Kunstmarktes und den Originalitätskult einer selbstkritischen Distanznahme.

Mit der Intransparenz des Kunstmarktes und den sozialen Mechanismen der Kunstwelt setzt sich Katja Staats – Preisträgerin des Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst 2011 im Bereich junge Kunst – auseinander. Für die Ausstellung besuchte die in Buchholz im Landkreis Harburg tätige Künstlerin 13 Kunstschaffende aus ihrem geographischen Kontext, um an unterschiedlichen Orten einige ihrer Kunstwerke abzulichten. Auf jeder der Schwarzweiß-Aufnahmen ist Katja Staats selbst sichtbar, als Rückenfigur auf das Kunstwerk im Bild blickend. Weitere Anspielungen in dieser Bildanordnung sind das »Bild im Bild« sowie die sich selbst in einen Bildzusammenhang versetzende Künstlerin. Hier ermöglicht die Reproduktion der Person im Bild dem/der Betrachter/in in die Rolle verschiedener Protagonist/innen des vernetzten Kunstmarkts zu schlüpfen. Vervielfältigt werden die Perspektiven auf ein System, dessen Akteure sich an spezifischen Konventionen orientieren und dabei von Interessen geleitet sind, die nicht selten verschleiert werden. Auf diese Weise befragt Staats nicht nur ihre eigene Position. Sie nimmt über die repräsentierten Kunstwerke von Künstlerkolleg/innen aus ihrem eigenen Umfeld auch eine Verschiebung der Aufmerksamkeitsökonomie durch Umkehrung von Peripherie und Zentrum vor.

Die partielle Übereinstimmung von Kunstwerken und anderen Luxusobjekten wird in einem noch kaum bekannten Projekt von Daniel Buren untersucht. Im Jahr 2008 ging dieser Protagonist der ersten Generation von Conceptual Art und Institutionskritik eine gewagte Liaison von Kunst- und Modemarkt ein. Für die Luxusmarke »Hermès« designte Buren 365 Seidentücher von der Sorte, wie sie als Markenzeichen des Hauses fungieren. Die Motive, die er dafür einsetzt, stellen eine Auswahl aus seiner Sammlung tausender »photo-souvenirs« dar. Diese Fotografien stellte Buren selbst seit den 1950er Jahren von seinen ortsspezifischen und zeitlich begrenzten Kunstprojekten her, zeigte sie bislang jedoch lediglich in Büchern. Neben den »photo-souvenirs« sind die Seidentücher mit einem weiteren »Markenzeichen« Burens bedruckt: den stets 8,7 cm breiten Streifen, die er ursprünglich einem handelsüblichen Markisenstoff entnahm und seitdem verwendet. Als Rahmen der »photo-souvenirs« auf den Seidentüchern besetzt das Streifenmuster nun neues Terrain in werkimmanenter Logik. Als Oberflächen unterschiedlicher räumlich-gesellschaftlicher Situationen stellt Buren seine kritischen Schnittstellen von Kunst, Design und Handwerk sowie Mode her. Diese dreifache Reproduktion - des Kunstprojektes durch das »photo-souvenir«, des »photo-souvenir« durch das Seidentuch und des Markisenstoff-Musters und künstlerischen Kennzeichens als gleichwohl ins Werk gesetzter Rahmen für beides - thematisiert der Künstler in dem für den Kunstraum entwickelten Arrangement als Frage der Differenz von Kunstwerk und Luxusobjekt. Dieses lässt auch Raum für Burens eigene Fragen an die Sphäre der symbolischen Unterscheidung und den schmalen, permanent neu in Frage gestellten Grat der Kritik, der es dennoch vermag, Kunstwerk und Luxusobjekt immer voneinander abzuheben.

Die Schau entfaltet sich in der zuvor von nOffice realisierten Ausstellungsarchitektur, die in Phase 1 »Enabling Space« die Frage aufgeworfen hat, wie die Präsentationsbedingungen von Kunst das spannungsreiche Verhältnis zu ihren Märkten vorbestimmen.

Mit der Weiterführung von Elementen aus dem zweiten Ausstellungsprojekt »Trans-Actions« fügen sich die gezeigten Arbeiten zur letzten Phase der Serie »Demanding Supplies - Nachfragende Angebote« zusammen. So zitiert die integrierte Textinstallation Phillip Zachs Fragmente aus dem diskursiven Nachlass der New Yorker Galerie American Fine Arts, Co. Die Videoarbeit von Stephan Dillemuth, die ein Gespräch des Künstlers mit deren Protagonisten Colin de Land sowie dem Künstler Joseph Strau zeigt, rückt in die für Besucher/ innen geöffnete Hinterbühne, das Büro des Kunstraums, vor. Loretta Fahrenholz ist über ein Plakat ihres Films »HAUST« vertreten, den sie als Trailer parallel zu Einblicken in die Sammlung von Video- und Super-8-Filmen Colin de Lands gezeigt hatte und der Herausforderungen in Übergangsphasen künstlerischer Laufbahnen verhandelt.

— Valérie Knoll, Julia Moritz


Der Eintritt für Eröffnungsabend und Besuch der Ausstellung ist frei.
Führungen mit Valérie Knoll und Cornelia Kastelan jeweils Sa, 26.11., 03. und 17.12.2011, 15:00

In die Ausstellungsreihe »Demanding Supplies — Nachfragende Angebote« involvierte Kuratorinnen und Kuratoren sind Julia Moritz, Valérie Knoll, Hannes Loichinger, Magnus Schäfer und Cornelia Kastelan.

05. 11. – 22. 12. 2011

Eröffnung
Freitag, 04. 11. 2011, 19:00


Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg, Campus Halle 25,
Scharnhorststraße 1, D-21335 Lüneburg
Anfahrt

Öffnungszeiten Di – Do, Sa 14:00 – 18:00


Weitere Termine unter Beteiligung von Projekte mit der Kreativitätswirtschaft (KIM, MANEC)

Workshop mit Maria Eichhorn (Berlin)
Sa 05. 11. 2011, 11:00 – 14:00, Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg,
Campus Gebäude 5, Raum 326

Podiumsdiskussion »Social Media – Social Revolts?«
mit Graham Harwood (Goldsmiths, University of London), Anne Roth (Bloggerin und Journalistin, Berlin), Aalam Wassef (Medienkünstler und Aktivist, Kairo)
Di 15. 11. 2011, 19:00 – 21:00, Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg,
Campus Gebäude 5, Raum 326

Symposium »Degrees of Freedom. Art Programs at Universities«
mit Jens Hauser (Ruhr Universität Bochum), Iréne Hediger (Swiss Artists-in-Labs), Sally Jane Norman (Attenborough Centre for the Creative Arts, University of Sussex), Sarat Maharaj (Lund University, tbc), Patricia Falguiére (EHESS Paris, tbc) u.a.
Mi 16. 11. 2011, 18:00 – Fr 18. 11. 2011, 13:00, Leuphana Universität Lüneburg, Campus
Anmeldung erforderlich: Marc S. Riedel marc.riedel@leuphana.de
www.leuphana.de/lap

Workshop »Passion Investments in Art Markets«
Olav Velthuis (University of Amsterdam):
»A Market in Stasis. Why Contemporary Art is Always Sold in the Same Way«
Larissa Buchholz (Columbia University New York):
»The Relationship of Symbolic and Economic Value in the Global Art Field. Challenging the
Convergence Thesis«

Massimiliano Nuccio (Leuphana Universität Lüneburg, Bocconi University Milan):
»The Art Market between (Creative) Economy and Economics«
Christoph Behnke, Steffen Rudolph, Ulf Wuggenig (Leuphana Universität Lüneburg):
»Art Market Research – Some Non-Obvious Results«
Fr 25. 11. 2011, 14:00 – 18:00, Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg,
Campus Gebäude 5, Raum 326

Atelierbesuch bei den Gewinner/ innen des Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst
Exkursion zum offenen Atelier von Katja Staats in Buchholz/ Nordheide einschließlich einer Führung durch die aktuelle Ausstellung im Kunstverein Buchholz/ Nordheide mit dem Künstler Michael Dörner sowie zu Diego Castros Atelier in Harsefeld
Sa 10. 12. 2011, 10:00 – 17:00, Treffpunkt wird bekanntgegeben

Präsentation »Neue Auftraggeber in Hamburg« mit Harun Farocki (Berlin), Nina Möntmann (Royal Institute of Art Stockholm), Vera Tollmann (Neue Auftraggeber Berlin)
Fr 16. 12. 2011, 18:00, Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg, Campus Gebäude 5,
Raum 326





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