ausstellungen
Phase 1: Enabling Space Phase 2: Trans-Actions Phase 3: Besides Reproduction

Dealing with — Einige Bücher, Bilder und Arbeiten zu American Fine Arts, Co.

Art Club 2000, Patterson Beckwith, J. St. Bernard, John Dogg, James Meyer, Jackie McAllister
Halle für Kunst
Stephan Dillemuth, Loretta Fahrenholz, Karl Holmqvist, Phillip Zach
Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg
 

Secrétaires

Carissa Rodriguez,
Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg

Die Ausstellung »Demanding Supplies — Nachfragende Angebote« gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Phasen. Sie zeigt verschiedene künstlerische Positionen zum Thema Kunst und Markt. In der zuvor von der Gruppe nOffice realisierten Ausstellungsarchitektur »Enabling Space« entfalten sich in Phase 2 des Projekts – »Trans-Actions« – zwei räumlich und inhaltlich benachbarte Präsentationen:
»Secrétaires« und »Dealing with — Einige Bücher, Bilder und Arbeiten zu American Fine Arts, Co.«.

Mit dem Fallbeispiel der New Yorker Galerie American Fine Arts, Co. wird ein Phänomen der jüngsten Kunstgeschichte thematisiert, das die üblicherweise als Gegensätze betrachteten Formen von händlerischer und künstlerischer Praxis in einer distinktiven Form zusammenführte. So handelte es sich bei der vom US-amerikanischen Kunsthistoriker James Meyer kuratierten Ausstellung »What happened to the Institutional Critique?« um einen kommerziell schwer verwertbaren, inhaltlich jedoch wegweisenden Beitrag zum institutionskritischen Diskurs – und dennoch um eine Verkaufsschau in den Räumen dieser Galerie.
Die Ausstellung fand sich im Programm von American Fine Arts, Co. neben Versuchen der Überschreitung traditioneller Rollen des Kunstfeldes in Richtung massenkultureller Aneignungen, wie sie insbesondere vom Kollektiv Art Club 2000 verfolgt wurden.

Colin de Land (1955-2003), der Gründer und Inhaber der Galerie, dem mittlerweile selbst ein legendärer Status zukommt, agierte auf den ersten Blick widerspruchsvoll. Er verkörperte die inneren Gegensätze des künstlerischen Feldes, die Spannungen zwischen Kunst und Geld wie kaum ein anderer. De Land konnte im Outfit eines Geschäftsmannes ebenso souverän auftreten wie mit »authentischem« subkulturellen Habitus. Zum Teil war er unter Pseudonymen (etwa als Mitglied der Gruppe Art Club 2000) selbst in künstlerische Projekte und Produktionen eingebunden. Zudem realisierte er kunsttheoretische Seminare für Sammler/innen, die nicht zuletzt wiederum dem finanziellen Erhalt der Galerie dienten. Überdies scheute er sich nicht, die Seite des Kunstmarktes in seiner reinsten Form zu vertreten: So bleibt Colin de Land als Mitbegründer der Armory Show in New York 1999 in Erinnerung, die gemeinsam mit der Art Basel und der Frieze Art London heute zu den bedeutendsten internationalen Kunstmessen gehört.

Anhand von American Fine Arts, Co. werden gleichermaßen Prozesse der zunehmenden Infragestellung eines auf Autonomie gegründeten Kunstbegriffs wie einer wachsenden professionellen Flexibilisierung deutlich. »Dealing with —« fragt nach den Erscheinungen, Bedingungen und Konsequenzen solcher Tendenzen zur Entdifferenzierung im künstlerischen Feld. American Fine Arts, Co. fungierte für viele heute etablierte Künstler/innen als frühe Plattform und maßgebliche Quelle von Inspiration. So unterschiedliche Künstler/innen wie beispielsweise Mark Dion, Andrea Fraser, Jessica Stockholder, Elizabeth Peyton oder Mariko Mori waren mit dieser Galerie verbunden. Um die Galerie baute sich ein ausgedehntes »kreatives Feld« auf: Bei American Fine Arts, Co. verkehrten, wie der Künstler und Kritiker Jacky McAllister bemerkte, »im wörtlichen Sinne tausende Menschen: Künstler, Kritiker, Kuratoren, Händler«. Was lag dem historischen Moment dieses eigenwilligen Gruppenportraits des künstlerischen und theoretischen Diskurses im späten 20. Jahrhundert zugrunde? Wie erlangte es symbolischen und materiellen Wert? Und wie lässt es sich analysieren und diskutieren, ohne dem Reiz hagiographischer Rekonstruktion zu erliegen? Auch für die gegenwärtige Generation junger Kurator/innen, Kritiker/innen, Kunsthändler/innen und Künstler/innen bleibt die Galerie Faszinosum – zugleich wirft sie eine Reihe von Fragezeichen auf.

»Dealing with —« wurde in Kooperation nicht nur mit dem Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg, sondern auch mit dem kuratorischen Team der Halle für Kunst – Valérie Knoll und Hannes Loichinger – sowie dem Berliner Kunsthistoriker Magnus Schäfer entwickelt und realisiert. Der Ausstellungsteil gibt einen differenzierten Einblick in Archivbestände und künstlerische Fragenkomplexe des weit über New York ausstrahlenden kreativen Feldes, in dessen Zentrum American Fine Arts, Co. situiert war.

Innerhalb von »Dealing with —« wird die Auseinandersetzung über das Wechselspiel von symbolischer und materieller Valorisierung, von Konformität und Devianz, von Verneinung und Affirmation des Ökonomischen im künstlerischen Feld exemplarisch anhand von American Fine Arts, Co., aber auch in allgemeinerer Form geführt.

Die Halle für Kunst zeigt eine umfangreiche Präsentation der Galeriebibliothek, von Künstler/innen und Kunsthistoriker/innen eigens in Vitrinen arrangierte, erstmals gezeigte Dokumente aus dem Galeriearchiv sowie eine Auswahl von künstlerischen Arbeiten, an deren Konzeption Colin de Land selbst beteiligt war.
Für den Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg übersetzen Stephan Dillemuth, Loretta Fahrenholz, Karl Holmqvist und Phillip Zach diese Fragen in neue künstlerische Arbeiten: Stephan Dillemuth reflektiert seine Zusammenarbeit mit Colin de Land über eine Neupräsentation spezifischer Versatzstücke seiner Ausstellungen bei American Fina Arts, Co. Gemeinsam mit dem Kurator Axel John Wieder wird er sein Vorgehen, das er als »bohemistische Forschung« bezeichnet, in einem Künstlergespräch diskutieren. Die Filmemacherin Loretta Fahrenholz zeigt ihren Spielfilm »HAUST« (2010). Begleitend ist ein Einblick in die Sammlung von Video- und Super-8-Filmen von Colin de Land, heute im Besitz der Archives of American Art am Smithsonian Institute in Washington, zu sehen.
Karl Holmqvist – seit längerer Zeit aktiver Benutzer der Galerie-Bibliothek – nimmt eine bezeichnende Auswahl bestimmter Titel der Kollektion vor. Phillip Zach schließlich recherchierte für die Ausstellung im Nachlass von American Fine Arts, Co. in New York. Fragmenten seiner diskursiven Funde kann man in einer die Ausstellungsräume durchquerenden Textinstallation begegnen.
In beiden Orten der Ausstellung finden zusätzlich Seminare, Workshops und Vorträge statt.

Parallel zu dieser Thematisierung der Wirkungsweisen künstlerischer Märkte beleuchtet die Künstlerin Carissa Rodriguez das Problem der professionellen Verortung in der Kunstwelt. Auch sie agiert in einer Doppelrolle: Einerseits stellt sie als Künstlerin selbst in Galerien aus, andererseits fungiert sie als Co-Direktorin der bedeutenden New Yorker Galerie Reena Spaulings Fine Art, benannt nach einer Romanfigur aus der Feder der Künstlergruppe Bernadette Corporation. Die Beschäftigung mit den Arbeitsbedingungen für Künstler/innen auf dem Kunstmarkt nimmt daher in Rodriguez’ Werk einen maßgeblichen Stellenwert ein. Gezeigt wird ihre raumgreifende Installation »Secrétaires«. Sie umfasst ein Arrangement aus dysfunktionalen Schreibtischmöbeln, kombiniert mit einer von der Künstlerin vorgenommen Auswahl von Anzeigen aus dem Kunstmagazin Artforum, das nicht zuletzt für die Verbindung von avanciertem Kunstdiskurs und exzessiver Galerienwerbung bekannt ist. Für die Präsentation in Lüneburg erweiterte Rodriguez ihre Arbeit um eine Komponente, die sich mit den sozialen und medialen Mechanismen von »Glamour« befasst.

— Valérie Knoll, Hannes Loichinger, Julia Moritz, Magnus Schäfer




Der Eintritt für Eröffnungsabend und Besuch der Ausstellung ist frei. Führungen werden nach Voranmeldung angeboten.

Kuratiert von Julia Moritz in Kooperation mit dem Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg,
Valérie Knoll und Hannes Loichinger, Halle für Kunst Lüneburg, und Magnus Schäfer, Berlin

28. 05. – 11. 07. 2011
Eröffnung
Freitag, 27. 05. 2011
17:00 – 19:00, Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg
19:00 – 21:00, Halle für Kunst
Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg, Campus Halle 25,
Scharnhorststraße 1, D-21335 Lüneburg
Anfahrt
Öffnungszeiten Di – Do, Sa 14:00 – 18:00

Halle für Kunst, Reichenbachstr. 2, D-21335 Lüneburg,
Öffnungszeiten: Mi – So 14:00 – 18:00
Weitere Termine

Filmvorführung »Pecker« (John Waters) und »HAUST« (Loretta Fahrenholz)
Einführung Valérie Knoll
Mo 06. 06. 2011, 19:00, SCALA Programmkino, Apothekenstraße 17, 21335 Lüneburg, 04131 2243224

Künstlergespräch Axel John Wieder und Stephan Dillemuth
mit Julia Moritz und Hannes Loichinger
Sa 18. 06. 2011, 19:00, Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg

Vortrag Magnus Schäfer: »Eine Bibliothek auspacken«
Sommerfest mit Beiträgen von Ffm (DJs, Berlin) und Carissa Rodriguez (Künstlerin, New York)
Do 30. 06. 2011, 20:00, Halle für Kunst, Reichenbachstraße 2, 21335 Lüneburg



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