Jeremiah Day, Renée Green, Christodoulos Panayiotou, Megan Francis Sullivan und die Gewinner/innen des Daniel Frese Preis 2013, Gilta Jansen & Gordon Castellane und Daniela Töbelmann & Carola Keitel
Kulturstiftung Schloss Agathenburg bei Stade

Künstlerische Rekurse auf Geschichte folgen heute subjektiven Aushandlungsprozessen und offeneren Logiken. Nach dem Sturz des Erkenntnismonopols der Historiographie über eine allgemein gültige »Geschichte« und einer damit verbundenen Aufwertung künstlerischer Beiträge - insbesondere im Rahmen der Herausbildung eines »kulturellen Gedächtnisses« -, ist in jüngerer Zeit eine neue Konstellation zu beobachten: künstlerische Vergangenheitsorientierung findet nicht mehr um einer korrektiven Spurensuche willen statt, einer Suche nach der »richtigen« oder »anderen richtigen« Erzählung. Durch Retrospektion wird vielmehr versucht, vermeintliche (Un-)Gewissheiten über die Vergangenheit in der Gegenwart sichtbar zu machen und diese zu befragen. Dazu gehört auch, die Komplexität von Gedächtnisbildung in ihrer Verstrickung mit inneren und äußeren Welten, Imaginationen und Materialitäten generell zu reflektieren. In diesem Sinne erschöpfen sich solche Arbeiten nicht in historizistischen Posen, sondern Geschichtsschreibung und Poesie, Fakt und Fiktion, Archivfunde und Kreation gehen in der künstlerischen Produktion miteinander einher und erlauben so erst Einsichten in ihre wechselseitige Bedingtheit. Vor diesem Hintergrund geht die Ausstellung »Some Issues of History« weniger vom »Artist as Historian« aus, wie Mark Godfrey den Künstler, der sich vor allem mit historischen Dokumenten beschäftigt, vor einigen Jahren lancierte. Stattdessen werden künstlerische Praxen präsentiert, die zwar teilweise durchaus auf Recherche anhand von Archivarbeit basieren und sich damit Vorgehensweisen von Historiker/innen annähern, jedoch stellt dies lediglich ihren Ausgangspunkt dar. Charakteristisch für die gezeigten Ansätze ist vielmehr ihre poetische Abstrahierung von mit Geschichte assoziierten Themen. Die gewählten Zugangsweisen und Ästhetiken der Kunstwerke adressieren die Betrachter auf einer vielfach affektiven und zuweilen von theatralen Anleihen geprägten Ebene.

In seiner Installation und Performance »The Frank Church - River of No Return Wilderness« (2012) thematisiert Jeremiah Day den Fall des US-amerikanischen Senators Frank Church, der in den 1970er Jahren politische Repression und die verfassungswidrige Beschaffung privater Daten durch Nachrichtendienste publik machte. Durch den Bezug auf die hochaktuellen Enthüllungen globaler Überwachungs- und Spionagepraktiken lässt diese Arbeit über die Kontinuitäten von Vergangenheit und Gegenwart nachdenken. Integriert die Installation Archivmaterial, so erzählt Day in seiner Performance fragmentarisch über die Geschehnisse, wobei dieser wechselnd poetischen und prosaischen »oral history« durch tänzerische Bewegungsabläufe eine spezifische Eindringlichkeit verliehen wird.

In Korrespondenz mit dem geschichtsträchtigen Ausstellungsort zeigen Gilta Jansen und Gordon Castellane die raumgreifende und begehbare Installation »Times Timing Times« (2013), eine bühnenhaft anmutende Inszenierung bestehend aus Einrichtungsgegenständen, Schriftzügen, Spiegelfolien sowie Textilien, die durch eine Lichtchoreographie dramatisiert werden. Die Arbeit fungiert in metaphorischer Weise als narrativ aufgeladener Speicherort für Erinnerungen und Geschichten, die im Abschreiten der Installation auf die Betrachter einwirken. Damit wird ein ästhetischer Möglichkeitsraum eröffnet, in dem imaginierte kollektive und private Geschichten assoziativ und auf poetische Weise ineinandergreifen.

Ausgangspunkt von Megan Francis Sullivans Arbeit »Road Trip« (2013) ist ihre Kindheitserinnerung an einen Besuch im Metropolitan Museum, bei dem sich das riesige Ölgemälde »Horse Fair« (1853 -1855) der Malerin Rosa Bonheur in ihrem Gedächtnis festgesetzt hat. Jahre später unternahm Sullivan eine Reise quer durch das Land, um eine andere Arbeit von Bonheur zu sehen - ein Porträt von Buffalo Bill (1889), das in Cody, Wyoming, hängt. Für ihren Ausstellungsbeitrag wiederholt Sullivan Bonheurs Werk, Abstraktionen und Differenzen bewusst implizierend. Anachronistische Aspekte wie Nähe, Selbstinszenierung und Abenteuer tauchen geisterhaft auf. Die Geste, eine übergroße Leinwand zu verwenden, einst Medium für Historienbilder, kennzeichnet zudem die sich mit der Zeit unwiederbringlich veränderte Mediatisierung und Umsetzung von Geschichte.

Die beiden Künstlerinnen Daniela Töbelmann und Carola Keitel präsentieren unterschiedliche Arbeiten aus einem groß angelegten Projekt, das sie in der als ebenso zeitgenössisch wie historisch inszenierten Hansestadt Lüneburg anlegten. Der performative »Spaziergang nach Waikiki. Sehen und Gehen - eine Ausstellung und ein Spaziergang« (2013) versteht sich als komplexe Untersuchung unterschiedlicher - entfremdeter, wiederzuentdeckender, touristischer, alltäglicher und neuer - Sichtweisen auf den öffentlichen Raum. Dabei vorgefundene Strukturen werden als erfahrbare Relikte der sozialen und geographischen Geschichte von Orten betrachtet, womit ein ästhetisch und gesellschaftsorientierter Blick auf Historie vollzogen wird.

Auf überzeitliche Phänomene, Wünsche und Ängste beziehen sich Collagen und Zeichnungen aus dem multimedialen Werkkomplex »Endless Dreams and Water Between« (2009) von Renée Green, der im Auftrag des National Maritime Museum in Greenwich entstanden ist. Empfindungen, Wahrnehmungen und innere Bilder verflechten sich mit unterschiedlichen Geschichten, Orten und Personen, die von Wasser umgeben sind. Wortreihen, die an konkrete Poesie erinnern, teilen sich den Bildraum mit Abbildungen von George Sand und der Insel Mallorca, Exzerpten aus einer fiktiven Erzählung der Schriftstellerin, einer Typologie des Dramaturgen Georges Polti sowie privaten Briefen, die ihrerseits Erinnerung und Geschichte thematisieren. Die Arbeiten spannen einen Bogen von persönlichen, lyrisch-literarisch orientierten bis hin zu melancholischen Sichtweisen auf historische Fragen.

Während die mehrteilige Dia-Projektion »Never Land« (2008) ,misslungene Momente' entfaltet und orchestriert, die der Künstler in einem lokalen zypriotischen Zeitungsarchiv fand, und dadurch Szenerien suspekt erscheinen lässt, greift Christodoulos Panayiotous Arbeit »Sunrise (1 October 2010, 6.15)« (2010) eine geradezu romantische Atmosphäre auf. Die Fotografie zeigt in goldenes Morgenlicht getauchte Badende an der Küste der Stadt Limassol. Das lyrische Motiv mag einen Moment der Sehnsucht evozieren. Das Datum im Titel hingegen markiert für Geschichtskundige nüchtern den fünfzigsten zyprischen Unabhängigkeitstag von Großbritannien: Es verleiht der pazifizierenden Wirkung des Bildes im Denken an die bis heute andauernde politische Instabilität des Landes einen melancholisch-schalen Beigeschmack.

— Cornelia Kastelan, Valérie Knoll


Der Eintritt zur Eröffnung der Ausstellung ist frei.

27. Oktober - 01. Dezember 2013

Eröffnung
Samstag, 26. Oktober 2013, 18:00
Performance von Jeremiah Day »The Frank Church - River of No Return Wilderness«, 18:30


Schloss Agathenburg
Hauptstraße
D-21684 Agathenburg (nahe Stade und Hamburg)
Anfahrt

Öffnungszeiten: Di-Fr 14:00-18:00, Sa-So und Feiertage 11:00-18:00


Die Ausstellung basiert auf einer Kooperation von KIM, Innovations-Inkubator der Leuphana Universität Lüneburg mit der Kulturstiftung Schloss Agathenburg. Der Innovations-Inkubator wird von der EU im Rahmen des EFRE, Europäischer Fonds für regionale Entwicklung, sowie vom Land Niedersachsen gefördert.



Jeremiah Day, Gilta Jansen und Gordon Castellane, Megan Francis Sullivan, Daniela Töbelmann und Carola Keitel

Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund


Große Ereignisse von historischem Rang, kleine Geschichten des Alltags, die Kunstgeschichte selbst – wie setzen sich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler mit dem Thema Geschichte auseinander? Welche Vergangenheit wird als die eigene anerkannt und für bedeutsam befunden, sei es aus kollektiver oder persönlicher Sicht? Solchen und ähnlichen Fragen hat sich die Gruppenausstellung »Some Issues of History« im Schloss Agathenburg bei Stade gewidmet. Die Schau stellte internationale künstlerische Positionen zusammen mit den Gewinnerinnen und Gewinnern des Daniel Frese Preis 2013 vor, der sich auf den gleichen Themenschwerpunkt – Geschichte – bezog. Auf Einladung der Kuratorin der Landesvertretung, Stefanie Sembill, entsteht für Berlin nun mit »Some Further Issues of History« eine ausschnitthafte Adaption und Weiterentwicklung der Ausstellung, in der Fakt und Fiktion, Archivfunde und Kreation miteinander einhergehen. – Ein Beitrag zur aktuellen Historiendebatte in der zeitgenössischen Kunst, der die Besucherinnen und Besucher auf affektiver, poetischer und zuweilen theatraler Ebene anspricht.

Der Eintritt ist frei.
Um Anmeldung zur Eröffnung wird gebeten: veranstaltungen@landesvertretung-niedersachsen.de

27. März – 06. April 2014


Eröffnung

Mittwoch, 26. März 2014, 19:00
Performance von Jeremiah Day

Programm

Staatssekretär Michael Rüter (Bevollmächtigter des Landes Niedersachsen beim Bund): Eröffnung und Begrüßung
Cornelia Kastelan und Valérie Knoll (KIM, Leuphana Universität Lüneburg): Einführung und Vorstellung des Daniel Frese Preis
Bettina Roggmann (Leiterin Schloss Agathenburg): Erinnerung an Agathenburg
Performance von Jeremiah Day (Künstler, Berlin)
Anschließend Empfang


Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund
In den Ministergärten 10
D-10117 Berlin
www.landesvertretung-niedersachsen.de
Anfahrt: U/S-Bahn Potsdamer Platz, Anfahrtsskizze

Öffnungszeiten: Mo–Fr 10:00–18:00


Die Ausstellung basiert auf einer Kooperation von KIM, Innovations-Inkubator der Leuphana Universität Lüneburg mit der Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund und der Kulturstiftung Schloss Agathenburg. Der Innovations-Inkubator wird von der EU im Rahmen des EFRE, Europäischer Fonds für regionale Entwicklung, sowie vom Land Niedersachsen gefördert.


Filmpräsentation »Endless Dreams and Water Between«
(Renée Green, 74 min., Englisch, 2009) und Führung durch die Ausstellung »Some Issues of History«


Sa 30.11.2013, 17:00
Kulturstiftung Schloss Agathenburg
Hauptstraße 45, D-21684 Agathenburg bei Stade, www.schlossagathenburg.de
Anfahrt: S3 von Hamburg Richtung Stade, Station Agathenburg

Die Führung wird in deutscher Sprache abgehalten.


Die Ausstellung »Some Issues of History« präsentiert Arbeiten von Jeremiah Day, Renée Green, Christodoulos Panayiotou, Megan Francis Sullivan und den Gewinner/innen des Daniel Frese Preis 2013, Gilta Jansen und Gordon Castellane sowie Daniela Töbelmann und Carola Keitel, die sich in unterschiedlicher Weise auf Vergangenheit, Erinnerung und Geschichte beziehen. Bilden Recherche und Archivarbeit in diesen künstlerischen Praxen eine Basis und nähern sich damit partiell den Vorgehensweisen von Historiker/innen, so stellen sie zugleich lediglich einen Ausgangspunkt dar. Charakteristisch für die gezeigten Ansätze ist vielmehr ihre poetische Abstrahierung von mit Geschichte assoziierten Themen: Geschichtsschreibung und Poesie, Fakt und Fiktion, Archivfunde und Kreation gehen in der künstlerischen Produktion miteinander einher und erlauben so erst Einsichten in ihre wechselseitige Bedingtheit.

Im Anschluss an die Führung wird der Film »Endless Dreams and Water Between« (74 min., Englisch, 2009) von René Green gezeigt. In der Ausstellung sind Collagen der Künstlerin aus dem gleichnamigen multimedialen Werkkomplex zu sehen: Wortreihen, die an konkrete Poesie erinnern, teilen sich die Bildräume mit Ansichten von George Sand und der Insel Mallorca, Exzerpten aus einer Erzählung der Schriftstellerin, einer Typologie des Dramaturgen Georges Polti sowie fiktiven Briefen, die Erinnerung und Geschichte thematisieren. Ergänzt werden diese Collagen nun um die Präsentation eines weiteren Elements aus dem Werkkomplex, einem experimentellen, fiktionalen Film, der den Kern dieser komplexen Installation bildet.

In dreizehn Kapiteln entfaltet sich darin ein fiktiver Dialog als Briefkorrespondenz zwischen den Charakteren Aria, Lyn, Mar und Raya. Durchzogen von Zitaten erweitert sich die Sprachorientierung des Films ins Bildliche, ohne je zu repräsentieren. Stattdessen kreisen Bilder ebenso wie Sprache um ein Absentes, das nicht greifbar bleibt und dennoch präsent ist – in Imaginationen, Erinnerungen, Wiederholungen und Assoziationen. Ausgangspunkt für den Austausch ist der Reisebericht »Ein Winter auf Mallorca« von Georges Sand (1839), der zudem als Anlass für Untersuchungen dient, die künftig in einer jährlichen, »The September Institute« genannten freien Forschungsklausur betrieben werden sollen. Die Wohnorte der Protagonistinnen – etwa Mallorca, Manhattan oder Yerba Buena in der Bucht von San Francisco, die als (Halb-)Inseln von zugleich trennenden und verbindenden Meeren umgeben sind – finden sich darüber hinaus in ihrer geographischen, historischen und mythischen Situiertheit reflektiert. Wenn Aria zu Beginn feststellt »It was a dream that brought me to action«, exemplifiziert sich mit der Zuschreibung einer aktivierenden Kraft von Träumen das Netz von Verbindungslinien, die sich zwischen unseren inneren und äußeren Realitäten spannen.

— Cornelia Kastelan, Valérie Knoll





Die Ausstellung basiert auf einer Kooperation von KIM, Innovations-Inkubator der Leuphana Universität Lüneburg mit der Kulturstiftung Schloss Agathenburg. Der Innovations-Inkubator wird von der EU im Rahmen des EFRE, Europäischer Fonds für regionale Entwicklung, sowie vom Land Niedersachsen gefördert.
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